Ein Jahr ESMA und immer noch nicht profitabel...

Aktualisiert: 27. Aug 2019


Im Jahr 2018 gab es eine einschneidende Entscheidung der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (kurz: ESMA), deren Folgen die CFD-Branche bis heute spürt.


Noch einmal zur Erinnerung: insbesondere die folgenden Punkte sind laut ESMA seit dem 01. August 2018 für in der EU ansässige CFD-Broker in Bezug auf Privatanleger einzuhalten:


  • Limitierung des zur Verfügung gestellten Hebels

(30 : 1 auf Forex-Majors, 20 : 1 auf Forex-Minors, 20 : 1 auf Haupt-Index-CFDs (DAX, Dow, etc.) und Gold-CFDs, 10 : 1 auf andere Rohstoffe, 5 : 1 auf Einzelwerte/Aktien-CFDs und andere Basiswerte, 2 : 1 auf Kryptowährungen)


  • Keine Nachschusspflicht für Privatanleger

  • Margin-Glattstellungsschutz in Höhe von 50%

  • Verbot sämtlicher Bonusprogramme

  • Veröffentlichung von Risikohinweisen, die einen auf die letzten 12 Monate bezogenen Verlustsatz enthalten

Die Begründung für die ESMA-Entscheidung: besonders im Privatanlegerbereich hat die CFD-Branche in den vergangenen Jahren einen enormen Zulauf gesehen und freut sich einer immer größer werdenden Beliebtheit (laut CFD-Verband ist das Handelsvolumen im CFD-Bereich in Deutschland von 283.4 Mrd. Euro in Q1/2013 auf 616.8 Mrd. Euro in Q1/2018 gestiegen).


Laut ESMA handelt es sich aber um komplexe Produkte, die primär zu spekulativen Zwecken genutzt werden und in der Mehrzahl der Fälle zu empfindlichen Verlusten unter Privatanlegern führen.


Infolgedessen war der ESMA auch mehr und mehr die aggressive Vermarktung von CFDs ein Dorn im Auge.


Die Lösung seitens der ESMA war mehr oder minder schnell gefunden: um der Komplexität des Finanzprodukts Tribut zu zollen, wurde an erster Stelle eine Hebelbeschränkung eingeführt, ergänzend Nachschusspflichtregelungen für Privatanleger angepasst und zugleich das aggressive Marketing mittels Bonusprogrammen seitens CFD-Brokern eingeschränkt.


In diesem Blog-Artikel wollen wir uns nun folgender Frage widmen:


Hat die ESMA-Entscheidung positive Auswirkungen auf die

Profitabilität im Privatanlegerbereich gehabt?


Kurze und knappe Antwort: „Nein.“


Am 09.07.2019, rund ein Jahr nach der Umsetzung der ESMA-Regeln, veröffentlichte FinanceMagnates neuste Statistiken, aufgelistet nach Brokern, die deutlich aufzeigen, dass die eingeführten ESMA-Regeln (besonders im Hinblick auf den zur Verfügung gestellten Hebel) keine Besserung hinsichtlich der Profitabilität in der Lage waren auf den Weg zu bringen:


Quelle: https://www.financemagnates.com/forex/brokers/retail-broker-clients-profitability-reloaded-a-year-into-esma/


Zusammenfassend stellt FinanceMagnates fest, dass von den 35 Brokern 17 Broker angeben eine Steigerung der Profitabilität ihrer Privatanleger zu sehen, 9 keine Veränderung ausmachen können und 9 weitere sogar eine geringere Profitabilität ausmachen können.


Nun allerdings die Krux, welche von FinanceMagnates im Artikel ebenfalls herausgearbeitet wird (und wenn es FM nicht in ihrem Artikel getan hätte, würde ich es jetzt hier in meinem tun): der Teufel liegt hier ganz klar im Detail.


Während ich z.B. ein Verfechter der These bin, dass ein zu aggressiver Hebeleinsatz im Trading einer der Hauptgründe für die Unprofitabilität von Privatanlegern ist,

(Anm.: ich habe zum Beispiel dem Thema „Effektiver Hebel im Trading“ in meinem Buch ‚Trader‘ im Kapitel Risiko- und Money-Management eine eigene Sektion gewidmet und diese untermauert) und ausgehend hiervon die logische Konsequenz wäre, dass die ESMA-Entscheidung hinsichtlich der Hebelbeschränkung bzw. -reduktion sich auf jeden Fall positiv auf die Profitabilität von Privatanlegern auswirken müsste, scheint es sich hier tatsächlich um 'Taschenspieler-Tricks‘ von einigen CFD-Anbietern zu handeln.



So ist bekannt, dass nach ESMA einige Trader, die in ihrem Handel einen höheren Hebel wünschen (und, so meine These, eine erhöhte Wahrscheinlichkeit haben im Trading unprofitabel zu sein…), zu Brokern außerhalb der EU gewechselt sind, um von der Hebelbeschränkung nicht betroffen zu sein.


Ergänzend haben einige in der EU-ansässige Broker ihre bereits zuvor errichteten ‚Offshore-Entities‘ genutzt und Kunden die Möglichkeit gegeben unter dieser Regulierung ihr Konto beim Broker weiterzuführen, von der Hebelbeschränkung durch die bspw. vanuatuanische Regulierungsbehörde aber nicht betroffen zu sein.


Und dann ist dort ja auch noch die ‚Professionalisierungvon Privatanlegern.


Diese wurde von einigen Brokern sehr strikt, von anderen eher ‚weniger stringent‘ umgesetzt.


Oder etwas anders: wenn sich jemand in seinem LinkedIn-Profil eine dreijährige Karriere als selbstständiger Trader attestiert (also zu Hause am Laptop ein kleines Konto bei Broker xyz gehandelt hat) und ausgehend hiervon laut Broker angeblich den Punkt erfüllt, mindestens ein Jahr in der Finanzbranche professionell gearbeitet zu haben, was ihn in Ergänzung mit dem Umstand mindestens 10 Trades pro Quartal getätigt zu haben, zum "Elective Professional" werden lässt, dann ist das sicherlich mehr als zweifelhaft...


Fallen diese eher risikofreudigen (und demnach wohl auch eher unprofitablen) Privatanleger demnach aus dem ursprünglichen Pool zu betrachtender Trader heraus, ergibt sich eine potenziell eher steigende Profitabilität nach ESMA.


Und was nun?


Es scheint deutlich zu werden, dass der Anlegerschutz, dem sich die ESMA besonders durch ihre Heberestriktion angeblich verschrieben hat, keine wirkliche Steigerung der Profitabilität unter Privatanlegern nach sich zieht.


Das ist meiner Meinung nach auch nur logisch, denn: wenn ein Trader, egal ob privat oder professionell, ohne klar formulierten, einen Vorteil-versprechenden und demnach profitablen Handelsansatz am Markt agiert, ist es weiterhin nur eine Frage der Zeit, wann das Konto platt ist - unabhängig vom genutzten Hebel.


Bei einem geringeren Hebel heißt es dann eben nicht, wie in meinem Buch ‚Trader‘ geschrieben „90-90-90“, sondern vielleicht „90-90-180“ und 90% der Trader, verlieren eben 90% ihrer Einlage in dann 180 Tagen.


Aber sie verlieren eben.


Und genau hier kommt die eigentliche bzw. meine Nachricht für CFD-Broker:


meiner Einschätzung nach ist es so, dass, wenn sich über kurz oder lang nichts gravierendes ändert, auf langfristige Sicht realistisch ein Verbot von CFDs für Privatanleger in der EU eine Option darstellt.


Zunächst einmal ist wohl mit einer Ausweitung der Hebelrestriktion und Einschränkung des Handels mit Derivaten für Privatanleger auf Knockout-Produkte, Zertifikate, etc. zu rechnen, die derzeit von der ESMA-Entscheidung noch ausgenommen sind.


Sollte es dann innerhalb der kommenden Jahre allerdings zu keiner signifikanten Profitabilitäts-Trendwende in diesem Bereich kommen, wird ein CFD-Verbot für Privatanleger die Konsequenz sein.


Professionelle Trader wären hiervon dann zwar ausgenommen, aber aus persönlichen Gesprächen ist mir bekannt, dass der Markt für professionelle Kunden in Deutschland nicht sonderlich groß ist, um bei dieser Menge an in der EU agierenden CFD-Brokern genug Geschäft für alle bereit zu halten.


Und selbst jene Broker, die sich hier behaupten können, müssten den Gürtel wohl deutlich enger schnallen.


Das bringt mich zu meinem Lösungsvorschlag:


ich bin davon überzeugt, dass jene Broker am Ende das Rennen machen werden (und eventuell auch zum Erhalt des Handels von CFDs im Privatanlegerbereich wesentlich beitragen würden), die nun verstärkt in die Ausbildung von Privatanlegern investieren und sich wirklich zur Aufgabe machen, die Profitabilität in diesem Bereich zu steigern.


Und hierbei spreche ich nicht nur von täglich stattfindenden Webinaren/Streams, die einen hauseigenen Analysten des Brokers zeigen, der seine Einschätzung für die Märkte kommuniziert oder Sales-Mitarbeitern, die eine Handelsplattform-Einführung machen und dem Kunden zeigen, wie sie in der Plattform des Brokers kaufen oder verkaufen können, Indikatoren in den Charts einfügen, etc.


Ich spreche von wirklichen Trading-Ausbildungskursen, ausgearbeitet und vorgetragen von echten Tradern, die sich am Markt ihre Sporen in den vergangenen Jahren nachweislich verdient haben und wissen, wovon sie reden.


Dem Aufsetzen von Trading-Rooms und/oder Chatboxen, wo sich Kunden mit diesen Tradern, aber auch Leidensgenossen austauschen können und die Möglichkeit erhalten, den Weg zur Profitabilität im Trading einzuschlagen.


Eine ergänzende Möglichkeit wäre auch, wenn sich CFD-Broker zu wirklichen Multi-Asset-Brokern weiterentwickeln, die Vermögensverwalterlizenzen erwerben.


Diese könnten dann via der Erstellung akkurater Anleger- und Risikoprofile Portfolio-Zusammensetzungen für passive Investoren kalkulieren und diese über ihr Brokerage dann in der Realität/am Markt abbilden und bei entsprechenden Marktänderungen für die Investoren adjustieren.


Grundsätzlich lautet die Erkenntnis für die CFD-Branche aus den obigen Beobachtungen ein Jahr nach ESMA aber vor allem erstmal eins:


Die Zeit läuft und es braucht nicht nur Visionen hinsichtlich der Profitabilitätssteigerung von Privatanlegern, sondern auch jene CFD-Broker, die willens sind, sich an die Umsetzung dieser Vision zu machen…


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