Ist Helikoptergeld die Antwort auf eine globale Rezession?


Im letzten Absatz des Blog-Artikels von vergangener Woche Freitag „Parabolischer USD-Anstieg – der Anfang vom Ende unseres Geldsystems?“ schrieb ich

[…]Vielleicht gibt es vor dem endgültigen Kollaps erst noch ein weiteresFiat-Geld-Experiment“ in Form von Helikoptergeld.[…]


Genau diesen Gedanken möchte ich im heutigen Blog-Artikel aufgreifen und etwas näher beleuchten, beschreiben, was Helikoptergeld überhaupt ist und worauf es abzielt.


Im Zuge der Coronavirus-Pandemie, des Runterfahrens des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens und des Verpuffens massiver geldpolitischer Stimuli, wird der Ruf nach fiskalpolitischen Maßnahmen lauter.


In der Tat fällt in diesem Zusammenhang ein Begriff immer häufiger und es besteht durchaus die ernstzunehmende Option, dass somit zeitnah Bestandteil unseres täglichen, wirtschaftlichen Lebens werden wird: Helikoptergeld.


Was ist Helikoptergeld?


Grundsätzlich ist Helikoptergeld eine extreme Form expansiver Geldpolitik.


Hierbei wird die Ausweitung der Geldmenge durch Geldschöpfung (um was es sich im übertragenen Sinne beim geldpolitischen Exzess der letzten Dekade bspw. beim Quantitative Easing (QE) gehandelt hat) direkt an den Staat oder den Bürger ausgezahlt.


Bildlich gesprochen druckt die Notenbank Geld, ladet dies in einen Helikopter, der dann über das Land fliegt und das Geld auf die Straße regnen lässt, daher: Helikoptergeld.


Das Ziel von Helikoptergeld ist, den Konsum und somit die Realwirtschaft anzukurbeln und ein bestimmtes Inflationsziel zu erreichen (im Falle der EZB liegt dieses Inflationsziel z.B. bei 2%) bzw. Deflation zu vermeiden.


Geschichte des Helikoptergelds


Beim Helikoptergeld handelt es sich ursprünglich um ein Gedankenexperiment des Ökonom Milton Friedman.


Friedman stellte 1969 die Frage des bereits oben skizzierten Bildes:


„Was würde geschehen, wenn eine Zentralbank das von ihr gedruckte Geld in einen Helikopter laden und über den Bürgern abwerfen würde?“


Friedman kam zu dem Schluss, dass unter bestimmten (theoretischen) Voraussetzungen (Vollbeschäftigung, Auslastung der Produktion, 0-Zinspolitik) bei einer Verdoppelung der Geldmenge eine Verdoppelung der Preise zu erwarten wäre, also eine konkret vorauszuberechnende Inflation.


Angewendet auf die aktuelle Situation seit der Finanzkrise 2007 und der anhaltenden Euro-Krise, die trotz Nullzinspolitik und Anleiheaufkäufe keinerlei nachhaltige Aufhellung der Konjunktur und anziehende Inflation nach sich zog, scheint die sich nun, durch das Coronavirus, abzeichnende, globale Rezession Helikoptergeld als Lösung einer Wirtschaftskrise wahrscheinlich werden zu lassen.


In der Tat hat China bereits im Februar 2020 Hongkong eine Zahlung von Helikoptergeld zugesagt, es sind 10.000 HKD pro Person vorgesehen.


Und auch in den USA scheint sich mehr und mehr ein Konjunkturprogramm abzuzeichnen, welches deutlich in Richtung Helikoptergeld geht: demnach wird seitens der derzeitigen US-Regierung unter Donald Trump ein Konjunkturprogramm von größer einer Billion USD diskutiert, welches auch Direktzahlungen an US-Amerikaner beinhalten soll.


Helikoptergeld als Weg aus der wirtschaftlichen Krise?


Was auf den ersten Blick sehr interessant anmutet und auch realistisch positiv auf die Wirtschaft durchschlagen könnte, hat meiner persönlichen Einschätzung nach allerdings Grenzen bzw. ich persönlich sehe nicht, dass Helikoptergeld in der Tat den Konsum ankurbeln würde.


Ganz plump gesprochen: gehen wir mal davon aus, dass mir der Staat monatlich 1.500 Euro als bedingungsloses Grundeinkommen zahlen würde.


Bedingungslos“ hieße, dass es mir frei stehen würde, auch weiterhin arbeiten zu gehen und Geld zu verdienen.


Würde ich also nichts an meinem bisherigen Leben ändern, tüchtig weiter schaffen gehen, dann erhielte ich die 1.500 Euro bedingungslos als „Bonus“ monatlich on top.


Und als solide wirtschaftender Unternehmer, würde ich die 1.500 Euro nicht einfach „verkonsumieren“, sondern stattdessen bspw. einen ETF-Sparplan zwecks Altersvorsorge, eventuell sogar nicht nur für mich, sondern für meine Frau und Kinder besparen.


Konsum und positive wirtschaftliche Effekte würden so jedoch allenfalls indirekt, wenn überhaupt, angekurbelt bzw. erzeugt.


Und in der Tat scheine ich mit meiner solchen Herangehensweise nicht alleine zu sein:

im Jahre 2016 ergab eine Internet-Umfrage von Ipsos im Auftrag der ING unter rund 12.000 Befragten europaweit, dass diese eine monatliche Direktzahlung von 200 Euro in 52% der Fälle sparen würden, 15% Schulden tilgen und 26% das Geld verkonsumieren würden.


Das legt nahe, dass Helikoptergeld wahrscheinlich in Bezug auf anziehende Inflation, Konsum und konjunkturelles Wachstum genauso wirkungslos verpuffen würde, wie Null- und Negativzinsen und darüber hinaus gehende Anleiheaufkaufprogramme.


Apropos: ich möchte an dieser Stelle ganz bewusst die rechtlichen Hürden eines solchen, geldpolitischen „Experiments“ ignorieren, Grund:


es ließe sich zwar argumentieren, dass es sich bei der Monetarisierung von Staatsschulden um eine direkte Staatsfinanzierung handeln würde, die der EZB im europäischen Falle eines Helikoptergeldes nach Artikel 123 AEUV verboten wäre.


Aber: dieser Artikel in der AEUV hat (meiner Einschätzung nach) seit den breitangelegten Anleiheaufkaufprogrammen der EZB sowieso nur noch „symbolischen“ Charakter oder ganz direkt: wo ein Helikoptergeld-Wille wäre, da fände sich juristisch mit Sicherheit auch ein Weg.


(Einschub: das zeigt sich aktuell ganz besonders in Bezug auf das seitens der EZB verkündete, 750 Milliarden Euro-schwere "PEPP" (Pandemic Emergency Purchase Programm)-Anleiheaufkaufprogramm.


Auf dieses soll das 33%ige "Issuer Limit" (demnach hat sich die EZB selbst auferlegt maximal 33% der ausstehenden Anleihen eines EU-Mitgliedsstaates aufzukaufen, um sich nicht dem Vorwurf der direkten Staatsfinanzierung ausgesetzt zu sehen) auf dieses "PEPP" keine Anwendung finden.)


Heißt das, es gibt keinen Ausweg aus der Krise?


In Bezug auf klassische Geldpolitik mit Erweiterungen wie „Negativzinsen“, „Quantitative Easing“ oder „Helikoptergeld“ vermutlich nicht, nein.


Aber erinnern wir uns noch einmal an den Blog-Artikel von vergangener Woche Freitag „Parabolischer USD-Anstieg – der Anfang vom Ende unseres Geldsystems?“: dort schrieb ich einen Absatz vor der Erwähnung von Helikoptergeld


[…]Eventuell bekommen wir ein Kryptowährung-gedecktes Finanz- bzw. Geldsystem, eventuell kehren wir klassisch zum Gold-Standard zurück (m.E. nach allerdings eher unwahrscheinlich, da sich ein Krypto-System elektronisch besser „überwachen“ ließe…).[…]

Wäre das vielleicht eine Lösung, ein „Krypto-Euro“?


Und wie könnte ein solches Geldsystem ausschauen bzw. wie ließe sich unser aktuelles Geldsystem in diese Richtung anpassen, vielleicht auch unter Einbezug des in diesem Artikel beschriebenen Helikoptergeldes?


Diesen Krypto-Euro wollen wir im nächsten Blog-Artikel etwas näher beleuchten.

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