Parabolischer USD-Anstieg – der Anfang vom Ende unseres Geldsystems?


Der heutige Blog-Artikel soll sich aus gegebenem Anlass der aktuellen Liquiditätskrise an den globalen Finanzmärkten widmen und versuchen, wenn auch stark vereinfacht, zu erklären was wir derzeit zu sehen bekommen.


Im weiterhin täglich stattfindenden Morning Meeting kam in den vergangenen Tagen nachvollziehbarer Weise die Frage auf, warum der US-Dollar trotz massiver geldpolitischer Lockerungen seitens der US-Notenbank FED eine derart starke Nachfrage nach US-Dollar verzeichnet, der EURUSD z.B. auf neue Jahrestiefs fiel und somit auf die niedrigsten Niveaus seit April 2017.


Zur Erinnerung: die FED hat am 15.03. den Leitzins auf 0% gesenkt, zudem ein QE von 700 Mrd. USD verkündet und die Mindestreserve von Banken auf 0% gesenkt.


Was allerdings nur wenig Beachtung fand (zumindest in der medialen Berichterstattung soweit ich diese verfolgt habe) war folgende Maßnahme: die FED kommunizierte die Re-Installation von Swap-Linien mit anderen globalen Notenbanken wie der EZB, BoE, BoJ, SNB oder BoC.


Warum ist diese Maßnahme so weitreichend?


Plump gesprochen ist das Ziel dieses Schritts, das Weltfinanzsystem mit ausreichend US-Dollar zu versorgen, können Notenbanken sich doch so jederzeit US-Dollar beschaffen.


Das bedeutet konkreter: die europäische Zentralbank EZB kann über diese Swap-Linie über die FED US-Dollar beziehen und somit wiederum europäischen Banken verfügbar machen, die infolge des massiven Abverkaufs im europäischen Bankensektor aktuell in Liquiditätsengpässe geraten sind.


Wieso sind z.B. europäische Banken aktuell in Liquiditätsengpässen, besonders US-Dollar-Engpässen?


Hierzu müssen wir etwas weiter ausholen: das Stichwort lautet „Mindestreserve-System“.


Wikipedia schreibt hierzu


[…]Hiernach müssen Banken lediglich einen Teil der Bankguthaben stets verfügbar als Reserve zur Auszahlung bereithalten. Der Mindestreserve-Satz legt dabei die Höhe der verpflichtenden Reserve fest. Damit ist es möglich, im Mindestreserve-System die Geldmenge des zugrundeliegenden Währungssystems weit über das Niveau der tatsächlich hinterlegten, zur Verfügung stehende Reserve auszudehnen.[…]


Hierzu ein konkretes Beispiel:


Stellen wir uns einen Öl-Scheich vor, der Öl im Gegenwert von 1 Million USD verkauft hat und jetzt eine Million USD in Cash hat.


Gehen wir weiter davon aus, dass der Öl-Scheich ein Konto bei der Deutschen Bank hat.

Er geht nun mit seiner Million USD an einen DB-Bankschalter und zahlt die Million USD auf sein Konto ein.


Er hat nun eine Forderung in Höhe von einer Million USD gegenüber der Deutschen Bank.


Selbstverständlich lässt die Deutsche Bank die Million nicht ungenutzt auf dem Konto liegen, sondern arbeitet mit dieser, vergibt einen in USD lautenden Kredit.


Allerdings kann die Deutsche Bank laut obigem Mindestreserve-System nicht die komplette Million USD als Kredit vergeben, muss einen Teil (der Einfachheit halber und dem Beispiel dienend 10% oder 100.000 USD) als Sicherheit zurückhalten.


Nun vergibt die Deutsche Bank einen in US-Dollar lautenden Kredit in Höhe von 900.000 USD an einen Unternehmer, der plant in Russland für 900.000 USD Holz zu kaufen.


Obiges Spiel wiederholt sich: der Holzverkäufer erhält 900.000 USD als Zahlung für sein Holz und zahlt diese bei der Sberbank ein.


Die Sberbank hinterlegt wieder nach dem Mindestreserveprinzip einen bestimmten Prozentsatz der 900.000 USD als Sicherheit und verleiht die übrigen US-Dollar, verschuldet sich also ebenfalls in US-Dollar, in diesem Fall gegenüber dem Holz-Unternehmer.


Abkürzend: im übertragenen Sinne handelt es sich bei diesem Prinzip um ein „US-Dollar aus der Luft schaffen“ und findet nun seit Jahrzehnten Anwendung (insbesondere im letzten Jahrzehnt dank der massiven FED-USD-Liquiditätsschwemme).


In der Tat hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte rund um den Globus nun ein massiver USD-Schuldenberg in Höhe von 12.8 Billionen US-Dollar angehäuft (zum Vergleich: die FED-Notenbankbilanz umfasst derzeit etwas mehr als 4 Billionen USD, Stand: März 2020).


Und während dieses „Schnellballsystem“ (und nichts anderes ist unser Geldsystem) solange funktioniert, wie niemand sein Geld von der Bank zurückfordert bzw. solange immer genügend US-Dollar ins System eingezahlt werden, welche die Auszahlungen übersteigen, stößt das System derzeit an seine Grenzen.


Durch die aktuelle Panik durch das Coronavirus und den kompletten Stillstand des wirtschaftlichen Lebens rund um den Globus, übersteigen nun USD-Auszahlungsanfragen die Einzahlungen oder plump: unser Öl-Scheich von oben steht jetzt am DB-Geldschalter und will seine Million USD zurück.


Die Deutsche Bank hat die Million USD aber nicht, sie hat nur 100.000 USD, den Rest als Kredit vergeben.


Demnach ruft die Deutsche Bank im übertragenen Sinne nun bei der für sie zuständigen EZB an und sagt: „Christine, ich brauche 1 Million USD in Cash, sonst kann ich meine USD-Forderung gegenüber meinem Kunden nicht bedienen und wäre de facto insolvent!“


Die EZB um Christine Lagarde reagiert ihrerseits gelassen und nutzt ihre Swap-Linie zur FED:


„Hi Jay (Anm. Powell, derzeit FED-Chairman), Christine hier. Hör mal, wir brauchen 1 Million USD, druckfrisch.“

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