Wie kann es zu verschiedenen Durchschnitts-Spread kommen?

Aktualisiert: 1. Feb 2019

Eine absolut legitime Frage, findest du nicht auch?


Dir werden sicherlich auf einen Schlag mindestens fünf Broker einfallen, die dich versuchen mit Werbeversprechen wie


„Wir beziehen unsere Liquidität im Devisenbereich von 10 und mehr Liquiditätsanbietern, die zu den größten Spielern im Investment Banking, Prime Brokerage oder der Hedge Fund-Industrie gehören und können Ihnen somit super-enge Spreads in Ihrem Trading zur Verfügung stellen.“


zu gewinnen versuchen.


Nun ist sofort klar, dass es vor diesem Hintergrund bei den zur Verfügung gestellten Spreads in deiner Handelsstation zu kaum signifikanten Unterschieden in den gestellten An- und Verkaufskursen kommen dürfte und ergänzend auch der Durchschnitts-Spread bei all diesen Brokern kaum unterschiedlich sein dürfte.


Ist er aber, wie folgende Grafik von FX Blue (https://www.fxblue.com/) eindrucksvoll zeigt:


Quelle: FXBlue

Nun ist einer der offensichtlichsten Gründe, dass es sich bei einigen der aufgezeigten Broker um solche handelt, die ein sogenanntes Mark Up-Modell fahren (hierzu im nächsten Artikel "Mark Up-Modell vs. Core-Spread“ mehr).


Doch auch bei den Core-Spreads anbietenden Brokern zeigen sich kleine, aber sich langfristig dennoch auf den Durchschnitts-Spread und somit auf die Kosten deines Tradings signifikant auswirkende, Unterschiede.


Diese treten zum Einen während Zeiten niedriger Liquidität am Markt auf (zum Einen sei hier das „tote Fenster“ um 23 Uhr MEZ genannt, wo es zu einem Rollover in den nächsten Handelstag kommt (es wird bei den Liquiditätsanbietern im erweiterten Sinne ein Kassensturz gemacht und hierdurch trocknet die Liquidität am Devisenmarkt insgesamt aus, was zu sich ausweitenden Spreads führt), aber auch viel wesentlicher rund um die Veröffentlichung wichtiger Datensätze wie der NFPs), aber auch konstant über den kompletten Handelstag.


Wie kann das also sein?


Alle Broker beanspruchen für sich einen riesigen Pool Liquiditätsanbieter in der Hinterhand zu haben und auf „Tier1“-Liquidität zurückzugreifen und doch kommt es zu spür- und sichtbaren Unterschieden in den Geld- und Brief-Spannen bzw. dem Spread.   


Um diese Unterschiede zu erklären, muss man schon etwas tiefer in die Materie Devisenhandel einsteigen und es reicht nicht aus lediglich auf technische Verzögerungen, unterschiedliche Internet-Bandbreiten, etc. zu verweisen.


Ich will versuchen es so einfach wie möglich zu halten, aber einige graue Zellen werden doch aktiviert werden müssen. Allerdings denke ich, dass es sich lohnt…


Ein kurzer Rückblick: besonders nach der SNB im Januar 2015 haben einige FX Tier1-Prime Broker (große Investmentbanken wie Citi, UBS oder JP Morgan, etc.) ihre Service- und Kredit-Bereitstellungen für Retail-Broker verschärft und mittlerweile sind nur noch wenige Retail-Broker in der Lage auf eine solche Tier1-Prime Broker-Beziehung zurückgreifen zu können.


Daher ist es mittlerweile recht häufig bzw. fast ausschließlich so, dass kleine und mittelgroße Retail-Broker auf sogenannte Tier2-Liquidität zurückgreifen, was man im Fachjargon auch unter „Prime-of-Prime“ oder „PoP“ kennt.


Hierbei hat ein Brokerage ein Tier1-Konto und weitet den hiermit verbundenen Service auf Retail-Broker aus (er schlägt im erweiterten Sinne eine Brücke zwischen Tier1-Broker und Retail-Broker).


Die Nutzung einer solchen PoP-Lösung bietet einige signifikante Vorteile für Retail-FX-Broker, z.B.:


(i) Es sind keine vorzuhaltenden Kapitalreserven nötig (um eine direkte Tier1-Prime Broker-Beziehung aufrecht zu erhalten sind z.B. 10 Millionen USD plus nötig)


(ii) Die Aufsetzung der technologischen Infrastruktur geht relativ schnell (1-3 Wochen vs. bis zu 6 Monaten bei Tier1 Prime Brokern)


(iii) Es ist ein höherer Hebel für Kunden verfügbar (Tier1-PBs bieten einen Hebel von maximal 30 zu 1 an, PoPs einen von bis zu 100 zu 1)


(iv) Zugang zu realer Interbankenmarkt-Liquidität über einen aggregierten Liquiditätspool


Bei einer solchen, „echten“ Prime of Prime-Lösung (die man als Außenstehender bspw. an einem zur Verfügung gestellten Hebel kleiner/gleich 100 zu 1 (wobei auf Nachfrage und im Einzelfall ein höherer Hebel zur Verfügung gestellt werden kann, aber eben nicht „serienmäßig“)) erkennt man,  dass die Spreads durch die Nutzung eines aggregierten Preis-Feeds, welcher auf die Liquidität individueller Banken und institutioneller Marktteilnehmer zurückgreift, auf natürliche Weise sehr eng sein werden, ja gar müssen.

Und umso besser und umso mehr Liquiditätsanbieter hier genutzt werden, desto enger und auch stabiler sind hier die zur Verfügung gestellten Spreads.


Hat ein Broker hier also im Vergleich zu einem Konkurrenten eine nur marginal bessere und technologisch hochwertigere Anbindung, kommt es bereits zu spür- und sichtbaren Unterschieden bei den dem Kunden zur Verfügung gestellten Spreads. 


Allerdings: in der Mehrzahl der Fälle werden sogenannte „Quasi“-Prime of Prime-Lösungen genutzt, da diese in Zeiten immer strikterer Regulierungen, steigender Marketing-Kosten, etc. noch einmal profitabler für den Broker sind.


Bei Brokern, die auf Quasi-PoPs zurückgreifen, handelt es sich um Broker, die die Orders ihrer Kunden nicht direkt an den Interbankenmarkt weiterleiten, sondern wo der den PoP-Broker als Dealing Desk/Market Maker fungiert. Das heißt direkter gesprochen: er prüft, ob er profitabel gegen den Kunden handeln kann oder nicht und wo der anfallende Profit dann zwischen dem Broker und dem Quasi-PoP aufgeteilt wird (auch bekannt z.B. als "Rev Share Deal"; lese hierzu auch den Artikel "Geschäftsmodelle von CFD- und FX-Brokern").


Klar wird hier, dass diese Prüfung der Order des Kunden einerseits (es kommt zu einer natürlichen Verzögerung bei der Orderausführung), aber auch die Tatsache, dass der Quasi-PoP nicht auf Interbankenmarkt-Liquidität zurückgreift, dazu führen kann, dass die angebotenen Spreads breiter sind.


Kommen wir zur nächsten natürlichen Frage deinerseits:


Wenn der Spread im Durchschnitt geringer ist, dann ist doch auch die Chance geringer, dass ich knapp ausgestoppt werde und hier kann ich noch einmal Performance finden, oder?


Die kurze und knappe Antwort auf deine Frage: „Ja, absolut!“


Der detaillierten Beantwortung deine Frage wollen wir uns im folgenden Artikel widmen...