Hör auf deinen Bauch - wie Bauchgefühle dein Trading verbessern können

Aktualisiert: 10. Apr. 2021


Der heutige Blog-Artikel soll sich einem sehr interessanten Thema widmen: Bauchgefühlen.


Was sind Bauchgefühle?


Unter Bauchgefühl versteht man das, was hinlänglich als „Intuition“ bekannt ist.


Wikipedia schreibt hinsichtlich „Intuition“ folgendes:


„Intuition ist die Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte, Sichtweisen, Gesetzmäßigkeiten oder die subjektive Stimmigkeit von Entscheidungen zu erlangen, ohne diskursiven Gebrauch des Verstandes, also etwa ohne bewusste Schlussfolgerungen. Intuition ist ein Teil kreativer Entwicklungen. Der die Entwicklung begleitende Intellekt führt nur noch aus oder prüft bewusst die Ergebnisse, die aus dem Unbewussten kommen.“


Das bedeutet etwas einfacher und plumper gesprochen: Intuition oder das Handeln aus dem Bauch heraus, erfolgt meist unterbewusst und man weiß gar nicht so richtig warum man gerade tut oder etwas tun willman tut es einfach.


Im Zusammenhang mit den aus der Psychologie bekannten „vier Stufen des Lernens“ (unbewusste/bewusste Inkompetenz bzw. bewusste/unbewusste Kompetenz), handelt es sich bei „Intuition“ um die Stufe der „unbewussten Kompetenz“.


Wir greifen also im Falle auf das „Hören auf unser Bauchgefühl“ bei unserer Entscheidung auf Informationen zurück, die bereits im Gedächtnis gespeichert sind und kombinieren diese mit den aktuell wahrgenommenen Informationen.


Mögliche Interpretationen für die Gesamtheit dieser Informationen werden blitzschnell und weitgehend automatisch gegeneinander abgewogen - bis sich ein stimmiges Gefühl für die richtige Entscheidung ergibt: das Bauchgefühl.


Das Gedächtnis läuft dabei auf Hochtouren und aktiviert diese Informationen innerhalb von Sekunden. Die unbewusste Intuition informiert gewissermaßen das Bewusstsein.


Ein Blick auf unser Trader-Gehirn


Werfen wir im Hinblick auf den Entscheidungsfindungsprozess einmal einen etwas detaillierteren Blick auf unser Gehirn:


Unser mehrschichtiges Gehirn ist im übertragenen Sinn in drei Areale aufgeteilt:

  • Das (sogenannte) Reptiliengehirn, zuständig für Instinkte und automatische Reaktionen

  • Das limbische System, zuständig für Emotionen und Gefühle

  • Den Neocortex, zuständig für rationale Entscheidungen/Denken/Vernunft, also der Bereich, in dem wir als Trader unsere Entscheidungen treffen wollen

Einleuchtend dürfte sein, dass wir als Menschen emotionale Wesen sind und eben nicht immer rational handeln bzw. entscheiden.


Erinnern wir uns hierzu an einen früheren Blog-Artikel, wo wir uns den Streichen, die uns unser Gehirn in unserem Trading spielt, gewidmet haben, sogenannten “Kognitiven Dissonanzen”.


Ausgehend vom Blog-Artikel wurde zum Beispiel klar, warum es für uns so schwer ist, Gewinn-Trades laufen zu lassen und Verluste konsequent zu begrenzen.


In Bezug auf die verschiedenen Areale unseres Gehirns bedeutet das: unsere Trading-Entscheidungen sind ein Ergebnis von allen drei Arealen und der Neocortex wird von den anderen Teilen unseres Gehirns „überstimmt“.


Dieses „Überstimmen“ führt zu Vorurteilen, Heuristiken und Irrationalität bei unserer Entscheidungsfindung, wir wenden also zum Beispiel sogenannte „Daumenregeln“ an, z.B. „Ahh, der DAX handelt oberhalb seiner 200-Tagelinie, da bin ich doch glatt mal Long!“


Ein gewisser Daniel Kahnemann spricht in seinem Buch “Schnelles Denken, langsames Denken“ (dem meiner Meinung nach besten Trading-Buch, welches erst auf den zweiten Blick ein Trading-Buch ist und ich persönlich uneingeschränkt zur Lektüre empfehle) in diesem Zusammenhang von „System 1“ und „System 2“:


System 1:

  • Ist unser instinktives Gehirn

  • Dieses arbeitet automatisch und kann nicht „ausgeschaltet“ werden (wir müssen zum Beispiel nicht Nachdenken, um zu atmen)

  • Gibt kein Gefühl der freiwilligen Kontrolle

System 2:

  • Unser “rationales” Gehirn

  • Erfordert Konzentration und Anstrengung (sich Gedanken mache oder anders: das Gehirn, was man braucht um 297 x 317 auszurechnen – ist übrigens 94.149…😉)

  • Verlässt sich auf Input von System 1


Den Konflikte, die zwischen den Systemen 1 und 2 entstehen (also: wenn der Bauch etwas anderes sagt, als unser Verstand) und den resultierenden Auswirkungen zum Beispiel auf unser Trading, aber auch unser Leben generell, widmet sich eine Wissenschaft namens „Verhaltensökonomie“ (engl.: Behavioral Economics).


Ein „Klassiker“ im Trading ist hier zum Beispiel die weiter oben noch einmal erwähnte Verlustaversion, also Gewinne begrenzen und Verluste laufen lassen.


Unser Bauch sagt uns hier zum Beispiel:


„Was kann daran falsch sein, viele kleine Gewinne mitzunehmen und selbst wenn mal ein Verlust entsteht, dann dreht der Markt auch schon wieder…“


Während nun treue Zuschauer meines Morning Meeting oder meiner Trading-Tutorials in meinem YouTube-Kanal, aber auch Leser meines Buchs "Trader" immer wieder gebetsmühlenartig darauf hingewiesen werden, dem Grundsatz zu folgenLasse Gewinner laufen und begrenze Verluste“, bleiben Emotionen und „Entscheidungen aus dem Bauch heraus“ ein ständiger Begleiter – nicht nur im Trading, sondern auch in unserem Leben generell.


Tatsächlich können die auftretenden Konflikte in unserem Gehirn und die kognitiven Dissonanzen extreme Züge annehmen, nicht nur in unserem Trading, sondern auch in anderen Lebensbereichen.


So gibt es zum Beispiel Studien die aufzeigen, dass nur rund 10% von Bypass-Patienten ihr Leben im Anschluss an eine OP ändern, wohlwissend, dass das Beibehalten ihres alten Verhaltens schlimmstenfalls tödlich sein kann.


Aber zurück zu Bauchgefühlen im Trading


Nun gut, jetzt wissen wir, was Bauchgefühle sind, wo diese herkommen, aber wir haben eine ganz elementare Frage dieses Blog-Artikel noch nicht beantwortet:


"Warum sind Bauchgefühle in unserem Trading auch etwas Gutes?"


Im ersten Moment und ausgehend von meinen bisherigen Ausführungen scheint dem ja nicht unbedingt so zu sein.


Und tatsächlich, würden wir das bisherige so stehen lassen, eventuell zusammenfassen als etwas wie

  • wir sind emotionale Wesen,

  • Emotionen begleiten uns tagtäglich, auch in unserem Trading,

  • wir sollten also Techniken entwickeln, mit dem Ziel unsere Emotionen in den Griff zu bekommen,

  • dann wird es auch etwas mit dem Trading-Erfolg,

dann würden wir ziemlich genau das tun, was meiner Erfahrung nach die Auffassung vieler Trader, Trading-Coaches und angehender Trader entspricht - ganz natürlich menschliche Eigenschaften, also Emotionen, zu unterdrücken.


Aber ich bin von der Sinnhaftigkeit eines solchen Unterdrückens nach vielen Jahren im Trading und unzähligen Trades nicht mehr überzeugt.


Es ist nachvollziehbar, dass viele Menschen glauben, das wir besonders im Trading Entscheidungen möglichst rational treffen müssen, es gilt Informationen zu sammeln, Vor- und Nachteile abwägen und stichhaltige Argumente für einen Trade zu formulieren.


Aber das bedeutet nicht, dass Gefühle, besonders Bauchgefühle, im Trading nichts zu suchen haben.


Tatsächlich behaupte ich, dass professionelle, erfolgreiche Trader einen Großteil ihres Trading-Erfolgs ihrem Bauchgefühl und ihrer Markt-Intuition verdanken.


Aber nun die alles entscheidende Frage:


"Wie kann ich von meinem Bauchgefühl und meiner Intuition im Trading profitieren?"


Die Kurzfassung lautet: viel üben


Das bedeutet konkret: wir sollten zunächst einmal Trading als mentale Spitzen-Performance-Aktivität wahrnehmen.



Das bedeutet:

  • Wir üben und studieren bewusst unsere Entscheidungsfindungsprozesse in unserem Trading

  • Ziel: (negative) kognitive Verzerrungen und Heuristiken (also z.B. Gewinner begrenzen, Verluste laufen lassen oder Daumenregeln, wie „Ist die nächste Kerze grün, bin ich Long“) zu reduzieren

  • Gleichzeitig: Etablierung von Automatismen in unserem Trading

  • Das resultiert in Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress in unserem Trading und

  • hilft gesunde Distanz zu Emotionen in Trading-Entscheidungen zu gewinnen.

Hier erkennt man auch, was Fortschritte in unserem Trading so schwierig werden lässt, besonders im Hinblick auf das Treffen richtiger Entscheidungen:


es ist schwierig, sehr herausfordernd und konzentriert sich meist auf den Aufbau nur einer bestimmten Fähigkeit.


Wir können das auch anders zusammenfassen: es heißt nicht umsonst, dass das wahre Meistern einer Profession 10.000 Stunden Übung braucht.


Allerdings sorgt die stete Wiederholung eines entsprechenden Ablaufplans, also einer Routine, für die daraus folgende Intuition – unser Bauchgefühl.


Bewährt hat sich in diversen Bereichen, nicht nur im Trading, sondern bspw. auch im (Hochleistungs-) Sport ein Drei-Stufen-Modell, welches wir für unsere Zwecke aufs Trading anpassen wollen:


1. Plane den Trade


Nutze die effektivsten und robustesten Möglichkeiten, Entscheidungen zu treffen, hierbei am besten eine Checkliste um den Entscheidungsfindungsprozess konsistent, kontinuierlich, diszipliniert und ohne Bias werden zu lassen.


Das Tolle an einer solchen Checkliste ist, dass sie unscheinbare, simple und vermeidbare Fehler in deinem Trading reduziert bzw. hilft zu vermeiden.


2. Trade den Plan


Führe deinen Plan ohne Fehler aus, wobei Risiko- und Money Management den wichtigsten Teil ausmacht, also das beobachten der Positionen, das konsequente begrenzen von Verlust-Trades und das sinnvolle Mitnehmen von Gewinnen.


Grundsätzlich sollte die Bewertung der Performance anhand der Umsetzung des in 1. formulierten Plans erfolgen, nicht ausgehend von kurzfristigen Gewinnen/Verlusten im Trading, da Kursverläufe im Trading zufällig sind und ein guter Trade ein Verlierer sein kann bzw. ein schlechter Trade ein Gewinner.


Kurz: nicht nur im Trading, sondern eigentlich überall in unserem Leben, wo der Zufall oder Glück eine Rolle spielt, sollte ich mich nicht auf den Ausgang oder das Resultat als Gradmesser für meine Performance konzentrieren - sondern auf den Prozess und ob ich die beeinflussbaren Aspekte meinerseits optimal beeinflusst habe.


Das führt übrigens auch dazu, dass sobald dieser Ablauf verinnerlicht und automatisiert wurde, sich viele „Trading-psychologischen Probleme“ in Luft auflösen werden.

3. Nachbetrachtung und Verbesserung


Im letzten Schritt offenbart sich dann die Wichtigkeit eines Trading-Journals, jenem Ort, wo der Trader seine Ergebnisse und Trading-Statistiken dokumentiert.


Die genaue Dokumentation und das „Taggen“ von Trades (das beinhaltet zum Beispiel die Unterscheidung von Trades basierend auf verschiedenen Setups, aber auch mentale Aspekte, wie „Gut/schlecht geschlafen“ oder „Bauchgefühl“) ist hierbei von alles entscheidender Bedeutung.


Ausgehend hiervon lassen sich nämlich konkret Problembereiche diagnostizieren und dann gezielt verbessern.


Hierzu kann man sich konkrete Ziele für Veränderungen und Verbesserungen setzen und dann individuell herausfinden, welche kleinen Schritte zu machen sind, um diese Ziele zu erreichen.


Nun fragst du dich aber eventuell, was das noch mit “Bauchgefühl” oder “Intuition” zu tun haben soll, wenn man doch einem konkreten Plan folgt, und das immer und immer wieder, das doch irgendwie wenig mit dem uns bekannten “Bauchgefühlzu tun hat.


Tatsächlich ist das kein Widerspruch oder anders:


Ein Bauchgefühl lernt man” und damit es den Trader besser bzw. profitabler macht, muss dieser das Bauchgefühl in der Tat "einschleifen".


Demnach ist es so, dass, umso öfter man das obige Drei-Stufen-Modell durchläuft, desto mehr werden sich Automatismen in unserem Trading etablieren und aus Bauchgefühlen werden Gewohnheiten, die den Unterschied zwischen Gewinner und Verlierer im Trading machen werden.


Das führt dann zum Beispiel dazu, dass du als Trading-Beginner einem Profi über die Schulter schaust, dieser aus dem nichts einen Trade eingeht und dieser sofort ins Laufen kommt.


Wenn du dann den Profi fragst, wieso er gerade dort gekauft hat, wo er gekauft hat, ist der Profi erst einmal ein wenig irritiert und muss nachdenken.


Tatsächlich hat er die Entscheidung für den Trade “intuitiv” oder aus dem Bauch heraus getroffen.


Ein Bauchgefühl, was in Wirklichkeit eine hochprofitable Trading-Entscheidung war ausgehend von einem Muster, was der Trader wieder und wieder und wieder im Chart hat auftreten sehen und sich in seinem Unterbewusstsein eingenistet hat.


Durch das stete Wiederholen des zugrundeliegenden Entscheidungsprozesses und der in ihm gewachsenen Gewohnheit ausgehend vom Auftreten des Musters (man könnte sagen, dem “Trigger-Event” oder “Auslösereiz”) den jeweiligen Trade zu machen, fällt es dem Trader anschließend tatsächlich schwer genau und detailliert zu erklären, warum er dieses oder jenes getan hat.


Für den Profi ist die Entscheidung auf den ersten Blick tatsächlich ein Bauchgefühl oder eine Intuition, die einfach da ist.


Das lässt übrigens auch erkennen, warum es so wichtig ist, den Handel im Demo-Modus ernst zu nehmen und von Anfang an Anfang, die richtigen Gewohnheiten, wie zum Beispiel das Setzen von Stopps oder dem Handel von Chance-Risiko-Verhältnis-technisch günstigen Setups, umzusetzen.


Dieser Blog-Artikel findet sich auch noch einmal in einem Podcasts gemeinsam mit Admiral Markets:

Zum Testen und Einschleifen seines Trading-Bauchgefühls kann man sich ein Demo-Konto bei Admiral Markets HIER herunterladen.

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